Aufsichtsräte auf LinkedIn: Zwischen Transparenzchance und Kommunikationsrisiko

12. Sep.. 2025 | Der Aufsichtsrats-Blog, Finanzinstitute, Kapitalgesellschaften, Management

Gastbeitrag von Dr. Sandra Binder-Tietz, Geschäftsleiterin des Center for Research in Financial Communication und Geschäftsleiterin der Günter-Thiele-Stiftung für Kommunikation und Management

Einleitung

Die Rolle von Aufsichtsräten verändert sich. Während Verschwiegenheit und Zurückhaltung lange als oberstes Gebot galten, steigt heute der Druck von Investoren, Medien und Öffentlichkeit nach Transparenz und Kommunikation. Mit LinkedIn öffnet sich ein neuer Kanal, der auch für Aufsichtsräte zunehmend an Bedeutung gewinnt. Eine Studie des Center for Research in Financial Communication zeigt, wie Mitglieder der DAX-40-Aufsichtsräte LinkedIn nutzen – und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind.

Erkenntnisse aus der Studie

Die Analyse der LinkedIn-Profile aller DAX-Aufsichtsräte mit über 4.500 LinkedIn-Beiträgen zwischen Juni 2023 und Mai 2024 liefert ein differenziertes Bild:

  • Breite Nutzung, aber große Unterschiede: 379 der 578 Aufsichtsratsmitglieder haben ein LinkedIn-Profil, 230 davon waren aktiv. Während manche nahezu täglich posten, bleiben andere über Monate inaktiv. Jedes DAX-40-Unternehmen hat mindestens ein aktives Mitglied. Besonders sichtbar: Commerzbank, Siemens, SAP und Siemens Energy.
  • Dominanz der Anteilseignervertreter: Sie stellen die Mehrheit der aktiven Profile und Beiträge. Arbeitnehmervertreter posten weniger, beziehen sich aber relativ häufiger explizit auf ihre Rolle im Aufsichtsrat.
  • Inhaltliche Schwerpunkte: Die Beiträge drehen sich vor allem um Corporate Governance (43,5 %), Corporate Social Responsibility (CSR) (32 %), gefolgt von Unternehmensstrategie und Personalthemen (jeweils 17,9 %). Anteilseignervertreter adressieren eher Strategie und Geschäftszahlen, Arbeitnehmervertreter stärker Governance und CSR.
  • Aufsichtsratskommunikation im engeren Sinne bleibt selten: Nur 29 % der Finanzkommunikations-Posts stammen explizit aus der Rolle als Aufsichtsratsmitglied. Bei Arbeitnehmervertretern liegt der Anteil bei 67 %, bei Anteilseignern lediglich bei 12 %.

Diese Ergebnisse zeigen: LinkedIn ist für Aufsichtsräte ein Kommunikationsinstrument mit Potenzial, wird aber noch sehr unterschiedlich genutzt.

Chancen und Risiken für die Aufsichtsratsarbeit

Die Studie macht deutlich, dass LinkedIn nicht nur ein persönliches Schaufenster ist, sondern auch die Wahrnehmung des gesamten Gremiums prägen kann.

Chancen:

  • Transparenz und Vertrauen: Eine klare, seriöse Kommunikation stärkt die Glaubwürdigkeit gegenüber Investoren und Öffentlichkeit.
  • Positionierung: Aufsichtsräte können ihre Kompetenz sichtbar machen und sich als Vordenker zu Governance-, Nachhaltigkeits- oder Strategiefragen etablieren.
  • Beziehungsaufbau: Direkte Kommunikation mit Stakeholdern kann Bindungen vertiefen.

Risiken:

  • Regelverstöße: Kursrelevante Informationen oder interne Details dürfen nicht kommuniziert werden. Verstöße gegen Publizitätspflichten bergen erhebliche rechtliche Gefahren.
  • Uneinheitlichkeit: Unterschiedliche Kommunikationsstile im Gremium können zu Irritationen führen und die Corporate Governance schwächen.
  • Reputationsrisiken: Unbedachte Posts können dem Unternehmen oder dem einzelnen Mitglied schaden.

Implikationen für Aufsichtsräte

Für Aufsichtsräte ergibt sich die Notwendigkeit, LinkedIn strategisch zu nutzen – nicht als spontane Bühne, sondern als Teil der Governance-Kultur. Folgende Leitfragen und Handlungsfelder sollten diskutiert werden:

  1. Kommunikationsstrategie: Gibt es klare Leitlinien, wann und wie Aufsichtsratsmitglieder auf LinkedIn kommunizieren?
  2. Governance-Integration: Wie lassen sich Posts so gestalten, dass sie die Überwachungs- und Kontrollfunktion des Gremiums stärken, statt nur persönliche Sichtbarkeit zu erzeugen?
  3. Risikomanagement: Sind Aufsichtsräte geschult im Umgang mit kursrelevanten Informationen und rechtlichen Fallstricken?
  4. Inhaltliche Ausrichtung: Welche Themen (CSR, Strategie, Governance) sind aus Sicht des Gremiums geeignet für eine öffentliche Positionierung?
  5. Abstimmung mit Vorstand, Kommunikation und Investor Relations: Wie wird sichergestellt, dass Botschaften kohärent mit der Unternehmenskommunikation sind?

LinkedIn eröffnet Aufsichtsräten neue Möglichkeiten, ihre Rolle sichtbarer und verständlicher zu machen. Doch der Schritt von der formalen Pflichtkommunikation zur freiwilligen öffentlichen Präsenz erfordert ein klares Bewusstsein für Chancen und Risiken. Für Aufsichtsräte bedeutet das: Kommunikation ist ein Teil der Governance-Aufgabe. Wer LinkedIn strategisch, regelkonform und mit Augenmaß nutzt, kann nicht nur die eigene Position stärken, sondern auch das Vertrauen in das gesamte Gremium fördern.

Zur Autorin: Dr. Sandra Binder-Tietz ist Geschäftsleiterin des Center for Research in Financial Communication, eines Kompetenzzentrums für Finanzkommunikation und Investor Relations, und Geschäftsleiterin der Günter-Thiele-Stiftung für Kommunikation und Management.

Sie ist zudem am Lehrstuhl für Kommunikationsmanagement der Universität Leipzig tätig. Weitere Informationen zu ihrer Forschung zur Aufsichtsratskommunikation finden sich auf www.aufsichtsrat-kommunikation.de

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