Gastbeitrag von: Andreas Tingvall, PHD Aufsichtsrat, Investor und Unternehmensberater
Seit nunmehr ca. 30 Jahren leite ich Unternehmen in der Welt. Damit meine ich Deutschland, Schweden, England, USA, Singapur, China, Ungarn, Frankreich, Schweiz und die Niederlande. Was klein anfing, wurde immer größer und irgendwann fängt man an, an Gesellschafter und Aufsichtsräte zu berichten. Was zu berichten war und was die Gesellschafter und Aufsichtsräte interessierte, war so verschieden wie die gesamte Palette der Lerninhalte eines Betriebswirtschaftsstudiums. „Learning by doing!“ war angesagt und es oblag mir selbst zu verstehen, was ich nicht verstand, um meine Defizite abzubauen.
Vom Geschäftsführer zum Aufsichtsrat
Schließlich wurde ich Aufsichtsrat in verschiedenen Unternehmen und musste die andere Seite der Medaille kennenlernen. Dabei stellte ich fest, dass ich nicht der einzige Unwissende war. Vielen meiner Aufsichtsratskollegen ging es so wie mir. Sie waren nicht unbedingt berufen worden, weil sie die beste Qualifikation hatten, sondern eher, weil sie entweder von Banken, Universitäten oder Industrien mit Erfahrungen kamen, von denen man gedacht hat, dass es den Gesellschaften nutzen könnte, oder weil sie Aktionäre und Familien vertraten.
An dieser Stelle, und leider zugegebenermaßen viel zu spät, fing ich an, Aufsichtsräte zu hinterfragen. Ich lernte langsam und Stück für Stück, wie wichtig meine Fragen und mein Verständnis zum Thema Unternehmensentwicklung und Shareholder Value sind. Wie sehr wichtig meine Beiträge und mein Verständnis darüber ist, was ICH tun kann, um den richtigen Anstoß zu geben, um Menschen und Unternehmen zu unterstützen.
Warum Qualifizierung oft fehlt
Dabei traf ich immer wieder auf solche Aufsichtsratskollegen, die leider viel weniger Interesse am Unternehmen hatten als ich, und/oder solche, die gar nicht verstanden, dass mit einer Aufsichtsratsberufung eine große Verantwortung für Menschen und Kapital einherkommt.
Der Zufall wollte es, dass ich vor ca. 10 Jahren ein Angebot für eine Aufsichtsratsposition in einem schwedischen Unternehmen bekam. Beim Interview wurde ich gefragt, ob ich ein Zertifikat und Ausbildungsnachweis durch die STYRELSEAKADEMIEN vorlegen könnte.
Als Schwede, der Jahrzehnte außerhalb des Landes tätig war, wusste ich noch nicht einmal, dass es diese Akademie gab. Styrelseakademien heißt übersetzt „Aufsichtsratsakademie“.
Was die Styrelseakademien anders macht
Die Styrelseakademien in Stockholm, Schweden, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Aufsichtsräte fundiert auszubilden (siehe: www.styrelseakademien.se). Anders als in Deutschland ist in Skandinavien und Finnland die gebräuchlichste Unternehmensform die Aktiengesellschaft. Bei kleinen Unternehmen erfordert das noch keinen Aufsichtsrat, aber mit der Zeit und mit dem Wachstum entstehen die Bedürfnisse bei den Unternehmen, sich von außen qualifizierter Hilfe zu holen.
Weil sich viele Unternehmen und insbesondere Start-ups aber durch Fremdkapital finanzieren, ist der Bedarf an Aufsichtsräten entsprechend hoch. Viele Unternehmen, die sich im Wachstum befinden, leiden unter dem ständigen Druck des Tagesgeschäftes und verlieren sich dadurch in einem Reaktionsmodus, der ihnen keinen Raum lässt, um ihre Defizite abzustellen und ihre Pläne wirklich gezielt zu verfolgen. Sie arbeiten IM Unternehmen anstatt AN ihrem Unternehmen!
Deshalb gibt es in Schweden die STYRELSEAKADEMIEN. Sie bietet zukünftigen Unternehmern und Führungskräften zunächst einen Grundkurs und die Zertifizierung an, um dann darauf weiteres Wissen spezifisch auszubauen.
Kurse, die sich mit den Rechten und Pflichten gegenüber den Gesetzeslagen und den Gesellschaftern beschäftigen, sind nicht die einzigen Bildungsmöglichkeiten. Darüber hinaus gibt es Kurse zu den folgenden Themen.
IPO und Börsengangvorbereitung · Expansion und Wachstum in anderen Ländern · EU-Recht · Börsenrecht, Insider Trading · Berichtswesen an Gesellschafter · Aufsichtsratsvorsitz · Krisenmanagement aus dem Aufsichtsrat · Personalwesen · Steuern und Gesetze und D & O versicherungen … und vieles mehr.
Inzwischen sind in Schweden ein Großteil der Aufsichtsräte durch die Akademie qualifiziert. Ich selbst habe inzwischen insgesamt 5 Kurse absolviert.
Verantwortung statt Auszeichnung
Durch die Mitgliedschaft in der Styrelseakademien sind mir Themen und Inhalte nähergebracht worden, die nicht nur mir und den Unternehmen geholfen haben, sondern auch vielen Menschen in den Unternehmen, denen gegenüber ich die Verpflichtung akzeptiert hatte, deren Arbeitsplätze zu erhalten.
Durch diese Ausbildungen, die ja auch meine Aufsichtsratskollegen in Schweden gleichermaßen durchlaufen haben, bin ich davon überzeugt, dass meine Arbeit in den Aufsichtsräten viel wirkungsvoller ist, als ich das in einigen deutschen Unternehmen erleben durfte. Denn Aufsichtsräte mit gleichem Verständnis und Fachwissen sind einfach wirkungsvoller.
Damit will ich aber nicht sagen, dass wir in Schweden alles besser machen als die Deutschen. Nein, das ist sicherlich nicht der Fall!
Ich will lediglich meine persönliche Erfahrung darstellen und darauf hinweisen, dass eine Aufsichtsratsberufung keine Auszeichnung ist, sondern eine Verantwortung, mit der ganz neue Herausforderungen auf einen zukommen. Herausforderungen, denen man ohne fundierte Ausbildung nur schwer gewachsen ist, aber für die man ja die Verantwortung akzeptieren muss.
Mein Plädoyer für Ausbildung
Das Verständnis, dass ein Bedarf für Aufsichtsratsqualifizierung besteht, wächst außerhalb von Deutschland deutlich schneller. Deshalb plädiere ich dafür, dass ein jeder, ob als Shareholder oder als Berufener, einfach versteht, dass das, was für alle Unternehmensaufgaben gilt, auch auf sie zutrifft. Nämlich, dass eine qualifizierte Ausbildung besser ist als keine Ausbildung
