Wie krank ist unser Gesundheitssystem? Corona zeigt uns die Defizite, aber wollen Sie als verantwortliches Kontrollorgan von Gesundheitseinrichtungen auch tatsächlich sehen, was im Argen liegt?

30. Sep. 2021 | Der Aufsichtsrats-Blog, Kapitalgesellschaften

Die Coronakrise offenbart die Irrwege und vor allem die Schwerfälligkeit deutscher Gesundheitspolitik. Bereits 2012 warnte eine Studie des Wirtschaftsprüfungsunternehmens PriceWaterhouseCoopers vor einem eklatanten personellen Engpass: Bis zum Jahr 2030 mangele es an 106.000 Ärzten; in der Pflege werde der Personalnotstand noch deutlicher: Insgesamt fehlten bis 2030 575.000 Arbeitskräfte.[1]

Wertschätzung für Gesundheitsberufe: Versäumnis deutscher Gesundheitspolitik
Das Problem ist nicht neu und doch reagierte die Bundesregierung erst acht Jahre nach diesem Appell mit dem „Sofortprogramm Kranken- und Altenpflege“ durch Jens Spahn. Ab Januar 2019 sollten zusätzliche Stellen und bessere Bedingungen in der Pflege geschaffen werden. „Mit einfachen, klaren und finanziell unterlegten Sofortmaßnahmen wollen wir das klare Signal setzen: Wir haben verstanden,“ so das zuständige Ministerium.[2] Doch was sich auf dem Papier gut liest und in Reden anhört wie ein Aufbruch in ein neues Werteverständnis für Gesundheitsberufe, ist und bleibt eines der größten Versäumnisse der deutschen Gesundheitspolitik, das aktuell in der verzweifelten Suche von Städten, Landkreisen und privaten Klinikträgern nach neuem Personal gipfelt – Impfpersonal für die Impfzentren mit eingeschlossen!

Wie steht es in Ihrem Unternehmen um die Wertschätzung?

Nachhaltiger Ansatz: Akademisierung der Pflege, höhere Gehälter und größere Klinikbudgets

Helfen sollen auf lange Sicht Prämien für Berufsrückkehrer, mehr Ausbildungsanreize – und die Übernahme heilkundlicher Aufgaben. Kein neuer Ansatz: In der Schweiz, Italien oder Spanien werden schon seit langem akademisierte Pflegekräfte eingesetzt, in Deutschland steckt die Akademisierung der Pflege in den Kinderschuhen (wobei die Akademisierung der Pflege nicht dazu führen darf, dass die direkte Arbeit am Krankenbett dann von weniger qualifizierten PflegefachassistentInnen übernommen wird). Ein guter Ansatz, doch gerade die Industrie lockt gut ausgebildete MTA mit besseren Arbeitszeiten und höheren Gehältern in die Pharmabranche. Auch im Homecare-Bereich und bei Zeitarbeitsfirmen hat sich bereits seit einiger Zeit ein attraktiver Markt für Pflegekräfte gebildet. Für Mediziner lohnt sich der Blick über die Schweizer Grenze: hier locken flache Hierarchien, eine meist um 30 % höhere Vergütung, größere Klinikbudgets, und ein geregelter Freizeitausgleich – die Folgen für das deutsche Gesundheitssystem: vorhersehbar und alarmierend!

Unser Appell: Den Abzug von Fachkräften verhindern und monetäre Anreize für Gesundheits- und Pflegeberufe schaffen: durch Boni, höhere Krankenhausbudgets und bessere Gehälter – nur so blutet unser Gesundheitssystem nicht aus! Sie selbst haben es zum Teil in der Hand, ob Sie als Arbeitgeber interessant sind für Pflegekräfte, oder auch nicht. Die Politik setzt den Rahmen, aber wollen Sie auf Politik warten oder selbst umsetzen, was in Ihren Kompetenzbereich fällt?

Abkehr von der Marktwirtschaft: Gesundheitsmanagement zwischen Ethik und Ökonomie:

Sucht man nach möglichen Ursachen für den anhaltenden Personalnotstand im Pflege- und Gesundheitssektor, so sind sicherlich die fehlende Wertschätzung für Pflegekräfte und eine nicht existente Lobbyarbeit zwei wesentliche Treiber der Misere. Sparen wir weiter an der Gesundheit, hat dies Folgen: für die Gesellschaft insgesamt und jeden einzelnen. Der Gesundheitserhalt muss aufgewertet werden. Durch die Privatisierung von Gesundheitseinrichtungen wird – wie in Unternehmen auch – auf max. Rendite gesetzt, was zu Lasten von Gehältern, Ausstattung und Personalressourcen und somit auch auf die Qualität der Behandlung geht. Corona hat gezeigt, dass der Mangel an Personal, das in normalen Zeiten schon durchschlägt, in Zeiten von Pandemien und Intensivbetreuungen zum Deasaster werden kann.

Unser Appell: Umkehr der marktwirtschaftlichen Sichtweise, das Gut Gesundheit und die Pflege von Menschen darf nicht mit Maßstäben aus der Wirtschaft gemessen werden! Es braucht neue Konzepte, wie Renditestreben und das Gut Gesundheit in Einklang gebracht werden. An dieser Stelle sind vor allem Aufsichtsräte gefragt, die mit neuen innovativen Ideen die Balance zwischen Ethik und Ökonomie halten.

E-Health: Verpasste Digitalisierung

Gerade im Hinblick auf den Pflegenotstand und Ärztemangel könnte die Digitalisierung von administrativen Prozessen eine Entlastung von Ärzten und Pflegekräften darstellen. Leider ist auch diese Aussage im Konjunktiv zu formulieren, denn auch in diesem Zukunftssektor hat die Politik versagt. Natürlich gibt es einzelne Leuchttürme – wie das Smart Hospital der Universität Essen. Für die breite Masse an Krankenhäusern, Gesundheitsbehörden sowie die Krankenkassen gilt jedoch: Aufbauarbeit leisten. Wertschätzung geht über Arbeitserleichterung und Entlastung!

Unser Appell: aktuell sind Start-ups (z.B. bei den Digitalen Gesundheitsanwendungen) und Pharmafirmen die Impulsgeber für den Wandel – Viele Krankenkassen und Behörden sind unwillig oder oft noch nicht in der Lage, die Daten wertschöpfend zu verarbeiten. Hier bedarf es eines enormen Nachholbedarfs, was das Thema Digitalsierung anbelangt. Auch an dieser Stelle sind Kontrollorgane in der Verantwortung, das Thema in den Unternehmen vorantreiben.

Ein modernes Gesundheitssystem, das sowohl dem Patienten als auch Mitarbeitern gerecht wird, kostet Geld. Geld, das noch zum Teil von den Privaten Versicherungen an Patienten geht, nicht aber an den gesetzlich Versicherten und Geld, das man in Personalressourcen, Ausstattung und auch Pandemievorbereitungen stecken müsste. Im Notfall dauert es Monate bis Schutzmasken aus China geliefert werden! Geld hängt aber an Wertschätzung und Wertschätzung fehlt in diesem Land für eine adäquate Bezahlung von Gesundheitsberufen, Arbeitsbedingungen und Personalresssourcen. Die Wertschätzung ist nicht gegeben, weil der Dienst am Menschen keinen Wert besitzt. Jeder Mitarbeiter am Fliessband der Automobilindustrie verdient mehr als eine Pflegefachkraft. Ein Umdenken in eine Richtung, wer in diesem Land tatsächlich der Gesellschaft großen Dienst erweist, ist schwierig. Es herrscht ein unheimliches Beharrungsvermögen an alten Denkmustern und Strategien festzuhalten. Und das erklärt sich nur mit der Angst vor dem Wandel.

Quellen:

1 https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51904/Studie-prognostiziert-dramatischen-Aerzte-und-Pflegenotstand
2 https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/P/Pflege/Sofortprogramm_Pflege__Eckpunkte.pdf 

Autorenhintergrund:

Claudia Gschwind und Jürgen Stoll sind Gründer und Managing Partner von HealthCorp Partners, einer internationalen Personalberatung, die sich auf die Gesundheitswirtschaft in den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz spezialisiert hat. Die Suchmandate umfassen Beirats-/ Vorstands- / Geschäftsführungspositionen, Chefarztpositionen sowie Führungspositionen in den Bereichen Arzt, Pflege und Verwaltung sowie in Pharma, Biotech und Medizintechnik. HealthCorpPartners wurde erst kürzlich erneut mit dem Wirtschaftswoche-Award „Beste Personalberater Deutschlands“ im Bereich der Gesundheitswirtschaft ausgezeichnet. Beide Autoren sind als Speaker aktiv und publizieren regelmäßig zu aktuellen Themen im Bereich Recruiting und Personalmanagement in der Gesundheitswirtschaft.

https://healthcorppartners.com

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