Mehr Schein als Sein – wenn der Wunsch nach Führung die Wirklichkeit verzerrt | Teil 2

25. Jan. 2022 | Der Aufsichtsrats-Blog, Finanzinstitute, Kapitalgesellschaften, Management

Gastbeitrag von Nela Novakovic

Der Ruf nach Frauen in Spitzenpositionen hallt durch Deutschlands Chefetagen – Unternehmen wollen zeigen, wie divers ihre Führungsebenen besetzt sind und dem Führungskräftemangel entgegenwirken, die Politik möchte klarstellen, dass Deutschland zu Unrecht auf den hinteren Plätzen im internationalen Vergleich rangiert, wenn es um den weiblichen Anteil im Top-Management geht. Gleichzeitig war es in unserer Gesellschaft noch nie so populär, starke Frauen in Szene zu setzen. Als Top-Managerin begrüße ich jede fähige Frau auf einem Chefsessel, doch in der Praxis beobachte ich, welche Tücken der Ruf nach Führungsfrauen birgt. Denn gelegentlich bleiben im Streben nach der Spitze Schlüsselfaktoren wie Authentizität, Eignung und Vereinbarkeit von Familie und Job auf der Strecke – aus Fehleinschätzung, Verblendung oder dem Versuch, etwas real werden zu lassen, das bei genauerer Betrachtung etlicher Grundlagen entbehrt.


Fehleinschätzung Familienfaktor

Nehmen wir zum Beispiel die junge karrierewillige Frau, die nach dem ersten Kind weiter Gas geben will, um beruflich voranzukommen. Im Personalgespräch höre ich dann oft: „Mein Mann und ich agieren auf Augenhöhe und teilen uns die Care-Arbeit. Ich werde das hier gut hinkriegen, Sie können sich auf mich verlassen.“ In dem Moment glauben diese Mütter, was sie sagen. Schließlich teilen sich moderne Paare die Verantwortung für Kinderbetreuung & Co. Doch in der Praxis bleibt noch immer viel an den Frauen hängen: Neben ihrer statistisch täglich mehr geleisteten Hausarbeit sind es vor allem die Mütter, die die mentale Arbeitslast tragen, sich um das Wohl der Kinder sorgen, sämtliche Termine verwalten und organisieren und so die Fäden in der Hand halten. Diese private Führungsrolle nimmt mehr Raum ein, als Frauen sich eingestehen mögen – und geht zu Lasten von Belastbarkeit und Verfügbarkeit im Job. Das macht sich in einer Führungsposition schnell bemerkbar und kann dauerhaft nicht funktionieren.


Fehleinschätzung Führungskompetenz

Nach meiner Erfahrung gibt es zwei Arten von Frauen: Die einen, die sich allzu oft unter Wert verkaufen und sich selbst wenig zutrauen, obwohl sie echtes Potenzial haben, und die anderen, die sich besser vermarkten als sie es später wirklich erfüllen können. Während die einen einem jahrtausendealten Muster folgen, das von Bescheidenheit, Versagensangst und Skepsis den eigenen Fähigkeiten gegenüber geprägt ist, versuchen die anderen, Männer zu imitieren. Beflügelt vom populären Ansporn, über sich selbst hinauszuwachsen und selbstbewusst aufzutreten, schlüpfen sie in eine Rolle, der sie dauerhaft nicht gerecht werden können. Wo das nötige Leistungsvermögen oder das Fachwissen fehlt, ist ein starker Auftritt nur vorübergehend ausreichend. Das sorgt sowohl für Unzufriedenheit bei Vorgesetzten als auch bei den Frauen – und schürt Vorurteile gegenüber künftigen Kandidatinnen.


Fehleinschätzung Quotenbonus

Manche Frau stützt ihre Bewerbung um eine Spitzenposition vor allem auf die Quotenregelung und glaubt, mit der gesetzlichen Fürsprache sei der Chefposten schon halb gewonnen. Da schwingt die Auffassung mit: Bisher sind Führungspositionen selbstverständlich immer mit Männern besetzt worden, weil sie eben Männer sind. Jetzt sollen ebenso selbstverständlich Frauen die erste Wahl sein, allein aufgrund ihres Geschlechts. Doch Fakt ist: Die Qualifikation steht – Quote hin oder her – im Vordergrund. Hier klaffen Schein und Sein gelegentlich auseinander. Nämlich dann, wenn Frauen vor allem auf die Gunst der Quote setzen und im Bewerbungsgespräch versuchen, zu gefallen, ohne genau zu wissen, welche Erwartungen sie erfüllen müssen. Dann verraten Körpersprache, Emotionen und Aussagen mangelnde Authentizität und Unsicherheit. Das wirkt wenig überzeugend, sondern unglaubwürdig. Das schürt Argwohn bei Personalentscheidenden und führt in die Sackgasse.


Fehleinschätzung Fake it till you make it

Viele Frauen sagen sich, so ist mein Eindruck: Ich greife jetzt nach den Sternen, Schluss mit der Zurückhaltung. Entschlossen seine Ziele zu verfolgen, ist prinzipiell gut. Aber um diese zu erreichen, gilt es, wahrhaftig zu bleiben. Wer anfängt, den Lebenslauf zu pimpen, Referenzen zu fälschen oder auf andere Weise zu mogeln, befördert sich direkt ins Aus statt auf den Chefsessel. Denn wenn hier Ungereimtheiten auffliegen, ist der Boden verbrannt. Mangelndes Vertrauen ist keine Basis für eine gute Zusammenarbeit. Im Gegenteil. Aus solchem Verhalten folgt der Rückschluss, dass die Gefahr groß ist, dass die Bewerberin auch später im Job zu Unehrlichkeit oder kleinen Mogeleien neigt. Und das ist ein No Go – völlig unabhängig vom Geschlecht.
Für mich gehört für einen erfolgreichen Weg von Frauen an die Spitze neben ausreichender Qualifikation und Erfahrung – und jenseits aller Quotenregelungen – deshalb vor allem eines dazu: Eine positive Grundeinstellung, Authentizität, Klarheit und eine gesunde Portion Realismus. Dann kann glänzen, was wirklich da ist.

Autor: Nela Novakovic trifft als COO eines japanischen Pharmaunternehmens täglich taktische Entscheidungen. Sie leitet, verwaltet, entwickelt und perfektioniert strategische Maßnahmen.

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